Nie wieder Diät!No more diets, please

Dieses Garn hat höchstwahrscheinlich Übergewicht
Ab und zu gucke ich mich in den Foren bei Ravelry um, und in fast jeder Gruppe kommt ein bestimmtes Thema alle paar Wochen hervor, so wie der Vollmond über den Feldern in Holstein: Die Woll-Diät. Strickerinnen überall auf der Welt scheinen zu glauben, dass sie zu viel Wolle haben, und dass das schlecht ist, und dass sie sie verstricken müssen. Sie versprechen sich gegenseitig, keine Wolle mehr zu kaufen, bis sie nicht mindestens sechs Kilo ihres Vorrats verstrickt haben – egal ob es sich dabei um industriell gefärbtes Superwash-Acrylgarn in Neonfarben oder Fusselgarn aus den frühen 80ern handelt, das ihnen ihre Schwägerin geschenkt hat, und das sie nie richtig mochten. Diese armen Seelen stricken damit, weil sie glauben, sie müssen. Weil sie das Gefühl haben, es sei notwendig, Buße zu tun für die Sünde, zu viel Geld für Garn ausgegeben haben, das jetzt zu viel Platz im Haus einnimmt.
Nun. Ich bin keine Freundin von Diäten, weder beim Essen noch beim Stricken. Ich glaube, Diäten sind sinnlose Quälerei. Beim Essen ist mein Credo: Iss, wenn Du hungrig bist, und hör auf, wenn Du satt bist. Eine große Auswahl frischer Lebensmittel im Kühlschrank, die Kochkünste meines Mannes und das zu essen, was mein Appetit mir sagt, sind Voraussetzung dafür. Ich würde niemals etwas essen, nur weil es da ist oder weil ich dafür Geld ausgegeben habe, wenn sich herausstellt, dass es nicht schmeckt. Ich finde auch, dass es völlig okay ist, Essen wegzuwerfen, falls es schlecht ist oder keiner es mag. Wenn meine Kinder von einem Geburtstagsfest zurückkommen mit einer Tüte künstlich aromatisierten und gefärbten Zuckerzeugs, dann sorge ich dafür, dass es in der Mülltonne landet. So etwas zu essen hilft niemandem (auch nicht den hungernden Kindern in Afrika). Ist es okay, am nächsten Tag Nüsse und dunkle Schokolade zu kaufen, die ich gerne nasche? Ich würde sagen: Ja.

Diese „Cakes“ machen zum Glück nicht dick
Essen ist da, damit wir funktionieren, und um uns zufrieden und glücklich zu machen. Und mit dem Wollvorrat ist es genau so: Da sind die Grundnahrungsmittel, wie Sockengarn. Eine Socke anzuschlagen, wann immer wir Lust darauf haben, erfüllt ein Grundbedürfnis, wie Brot oder Kartoffeln. Und dann gibt es die exotischen Leckereien wie Seide, Lacegarn, Kaschmir oder Yak – sie machen das Strickerinnen-Leben süß und interessant. Im Tiefkühlfach haben wir die großen Bratenstücke eingefroren, falls es was Besonderes sein soll – genau wie die voluminösen Tüten mit Pullovergarn hinten im Schrank. Würde man sagen: „Ich muss erst das Roastbeef kochen, bevor ich wieder Äpfel kaufen kann“? – würde man eben nicht. Ein gut zusammengestellter Wollvorrat ist nicht nur eine Quelle der Inspiration, sondern gibt Sicherheit: Für jedes Strickbedürfnis ist etwas da, in guten und schlechten Zeiten. Ein großer Wollvorrat ist außerdem das Versprechen, dass man viele Stunden damit verbringen wird, das Garn zu verstricken. Schöne Stunden, wichtige Stunden.

Manchmal sagen Frauen, dass ihr Wollvorrat zu viel Platz einnimmt, und in manchen Fällen mag das auch stimmen. Kinder und Ehemänner beschweren sich und verlangen, dass die Wolle weg muss – aber in diesem Fall sollten wir zweimal überlegen. Ich habe das Gefühl, dass viele Frauen sich selbst und ihren Bedürfnissen weniger Platz zugestehen als Männern und Kindern. Wie ist es denn mit dem Motorrad in der Garage oder dem Meerschweinchenstall? Der Gitarrensammlung? Der Modelleisenbahn? Es ist okay, Platz zu brauchen für das, was man gerne tut. Es ist richtig, Platz zu beanspruchen in unserem Zuhause mit dem, was wir lieben.
Was ich noch am ehesten verstehe ist, wenn sich eine Strickerin überfordert fühlt von ihrem Wollvorrat – ganz ohne das Gestichel anderer – und beschließt, dass ein Teil des Garns gehen muss: Das Acrylgarn und die Farben, die uns nicht stehen, die kratzige Pulloverwolle. Man kann sie Schulen, Kindergärten und Altersheimen spenden, mit anderen Strickerinnen tauschen oder verschenken. Aber um Himmels Willen sich nicht zwingen, mit Garn zu stricken, das man nicht mag. Dafür ist das Leben zu kurz.
Stricken ist dazu da, uns glücklich und Spaß zu machen: Strick, was Dein Gefühl Dir sagt. Hör auf, wenn es genug ist. Kauf das Garn, das Du liebst, leg es zu Deinem Vorrat und mach etwas daraus, wenn die Zeit gekommen ist.

These skeins are probably overweight
Every now and then I browse the forums on Ravelry, and in almost every group one topic emerges every few weeks like the full moon over our village: the stash diet. Knitters all around the globe seem to suffer from the perception that they own too much wool, and that this is a bad thing, and that they should own less. On Ravelry, they tend to make promises to each other to only knit from their stash in order to make it smaller, and not order any new yarn until they have knit up at least six kilos or so from their current stash. May it be industrially dyed superwash-acrylic in a hideous color or some art yarn that someone gave to them but they never really liked. Those poor souls knit with this because they feel they must, because they feel they ought to purge and suffer as they have previously sinned by buying too much yarn that is taking up too much space in the house.
Well. I am no friend of dieting, neither in the nutritional nor in the knitterly way, I think its entirely unnecessary suffering, and it does not do any good. In food, my credo is: Eat when you are hungry, and stop when you feel full. A big choice of good fresh food in my fridge, my husband’s cooking and eating what my appetite tells me are essential for this. I would never eat something because it’s there or because I spent money on it if it does not taste good. In my view, it’s absolutely okay to throw out food if it is bad and nobody likes it. For example, if my kids come back from a birthday party with a bag full of artificially colored, chemically flavored sweets, I make sure they find their way to the garbage bin. Eating that stuff is not healthy, and contrary to popular belief, throwing it out does not increase hunger on this planet. Is it okay to buy some nuts and chocolate (which I love!) on the next day? I would say: yes.

Yarn cakes won’t make you fat…
Food is here to make us function, and to make us happy. Almost the same goes for a knitters stash: There are the staples, like sock yarn. Knitting a sock whenever we feel like it is just like having bread or potatoes in the house. It’s essential, it’s good, it’s necessary and never wrong. There are the silk and lace skeins, maybe some cashmere or yak, which are like exotic fruit and make things sweet and interesting. And just like you have a big turkey or a whole roast beef in your freezer, there are sweater quantities of yarn in the stash closet. Would you ever say: „I need to cook that turkey before I am allowed to buy more apples“? Of course not. A well-rounded stash is a knitter’s source of creativity, something she can rely on to bring her through good and bad times. Having a big stash is like a promise that you will spend time knitting with it, spending time on yourself.
Sometimes people say that their stash is taking up too much space, that husbands and children complain, and that they need to cut back. This might be a valid point in some cases, but I feel that women tend to be very shy about claiming space for themselves and the things they love. How much space does everyone else’s hobby take up? His motorcycle in the garage? The cage for the guinea pigs? The guitar collection? It’s okay to take up space. It’s okay to have things we like. It’s good to be present and to show who we are in our own homes.

What I do understand though is when a knitter feels overwhelmed by her stash and has herself (without nagging by others!) come to the conclusion that some wool has to go. Then, by all means: Reduce your stash. Get rid of the acrylics and the colors that do not suit you, let go of the lace and the silk if you do not like to knit with it, give away the woolen-spun bulky yarn that you find scratchy. But don’t knit with it. Don’t force yourself to knit with yarn you do not like. There are lots of things you can do with unwanted yarn: Give to kindergartens and schools for crafty projects, give to old people’s homes, give to your niece who has just learned to crochet or to your mother-in-law who does not care what yarn she uses anyway. Sell things to fellow knitters, or wrap up some skeins as gifts. But do not force yourself to knit with yarn that does not speak to you anymore.
Knitting is here to make you happy, and to be enjoyed. Knit what your appetite tells you. Stop when you feel you are done. Buy what you love, put it in your stash and knit with it when the time comes.
Absolut richtige & gesunde Lebenseinstellung
This is a great blog post ;-) I like to buy beautiful yarn, even when I have a lot in my stash. I don’t mind, I LOVE it !
I have a quilt room for myself and also have more quilt fabric in stash, than I ever will sew. I don’t mind, I LOVE it !
Ich habe ganz viel Streichelwolle. Wolle, die man ab und zu rausnimmt, einmal streichelt und dann wieder in den Schrank packt, weil die doch nicht zum geplanten Projekt passt…dafür schäme ich mich auch nicht.
Ah, yes. Awesome post and thoughts.
Du sprichst mir aus der Seele! Bezüglich des Essens habe ich mir angewöhnt mir zu sagen, dass ich kein Mülleimer bin – habe früher auch immer gedacht, dass ich etwas essen muss damit es nicht weggeschmissen wird. Und das gilt wohl auch für Wolle und für andere Bereiche des Lebens.
Liebe Martina,
danke für diesen Mut machenden Text! Ich bin so eine: ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr keine Wolle zu kaufen. Die Mitgliedschaft im Strickmich Club habe ich ja letztes Jahr schon abgeschlossen. Und weil ich genau weiß, dass ich ein ganzes Jahr unmöglich schaffen kann, nehme ich mir jeden Monat einzeln vor. Januar, Februar und März habe ich schon geschafft. Und seit Februar nenne ich es „Wollfasten“ und ich bin mir sicher, dass ich es bis Ostern auch schaffe. Aber für Mai sehe ich schwarz: schließlich komme ich wieder zum Anstrickevent nach Damsdorf! Und ich kann doch unmöglich an eurer Wollboutique vorbei gehen!
Dein Text hat mich überzeugt: ich werde mein Vorhaben, keine Wolle zu kaufen, aufgeben. Ich brauche Wolle, so wie ich Äpfel brauche. Aber ich werde mich mäßigen: ich werde nicht jeden Strang kaufen, der mich anlächelt. Ich werde das kaufen, für das ich ein Projekt habe oder das, wo die Farbe zu einem vorhandenen Kleidungsstück passt. Und ich werde in meinen Stash schauen, bevor ich etwas kaufe. Aber keine Wolldiät, so! Danke für deinen Text, und ich freue mich schon auf den Anstrickevent!
Liebe Grüße,
Birgit
Sowas lese ich hier auch öfters in den finnischen Blogs- wie z. B. einen Monat keine Wolle kaufen und so. Absolut schwachsinniges Vorhaben. Mein Wollvorat wächst immer mehr… aber ich „spare“ für die Rententage sage ich mir immer. Von der Rente bleibt bestimmt nix übrig um Wolle oder andere Extras kaufen zu können, da hab ich wenigstens schon was vorgesorgt :-). Und mir geht hoffentlich NIE die Wolle aus. Mehr brauche ich da wohl nicht sagen :-).
LG aus Finnland
Jana der Wollhamster
So great! Love this post – you got it exactly right Martina!
Ein wunderbarer Text…Wenn ich nach einem anstrengenden Arbeitstag etwas Aufmunterung brauche genügt es, an meine Wollvorräte zu gehen und mich an den herrlich weichen und phantastischen handgefärbten Wollsträngen zu erfreuen…
So habe ich das auch noch nie gesehen, interessanter Aspekt
Oh, Martina, vielen lieben Dank für die schönen und wahren Worte !!
Auch mir sprichst du aus der Seele……….. und du hast ja soooo recht.
Genau so ist es und ich bin wieder glücklich mit meinem Wollvorrat,
dank Dir.
Wenn ich schon grad dabei bin, danke ich dir ebenfalls für deine tollen Strickanleitungen, ich habe sie alle und liebe sie, dankeschön !!!
Liebe Grüße Angelika aus dem schönen Allgäu
Hihi….genau mein Argument! :-) Vorräte für die Zeit, in der man voraussichtlich nicht mehr das Geld für viel Wolle, dafür aber mehr Freizeit zum stricken hat….
1000 Dank für diesen tollen Artikel!!!
Danke Martina, du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es auch bei einer Wolldiät einen jo-jo-effekt gibt! Und das mit dem aufheben bis zur Rente, weil frau dann Zeit dafür hat, ist auch Illusion: 1. gibt es so viele Projekte, die gestrickt werden wollen und 2. immer neue und schönere Wolle in Qualitäten und Farben, die vor Jahren noch gar nicht bekannt waren und Dank PC jetzt weltweit erhältlich (hab gerade eine für mich neue Wolldealerin in GB entdeckt) und 3. wann wenn nicht jetzt ist die Zeit zum Stricken. LG Johanna
Vielen Dank für dieses Post. Sie haben es genau perfekt gesagt.
This is such an important point to make, especially like the viewpoint about women not wanting to take up space but allowing our husbands and children to have all the space they want. I will stop feeling guilty about my dresser full of gorgeous yarn.
Hallo Martina Du sprichst mir aus der Seele. Auch ich hatte heute ein schlechtes Gewissen weil ich gestern schon wieder Wolle bestellt habe. Aber nachdem ich Deinen Bericht las muss ich sagen :Alles richtig gemacht. Liebe Grüße Barbara.
Eifach goldig. So isses.
Pingback: Wie man eine Brennprobe macht, über die Sache mit der Wolldiät und gestrickte Brüste – Inspiration 142 | Gemacht mit Liebe
Ein schöner Text…
Leider wird das Wort Diät immer wieder nur mit Abnahmen in Verbindung gebracht, das ist aber nicht richtig.Diät bezeichnet alles das, was von einer normalen Ernährung abweicht, so also auch eine Zunahme.Ich bin Diätassistentin und habe mit vielen verschiedenen Diäten zu tun, die wenigsten sind Gewichtsreduktionen.
Wenn man das also auf Wolle überträgt, mache ich auch eine Diät, wenn ich mir Wolle kaufe
Es gibt zum Glück heute wissenschaftliche Studien, in welchen das „Compulsive Hoarding“ als eine ernstzunehmende psychische Behinderung beschrieben wird. So wie ein „book hoarding“ beschrieben wird, so gibt es eben auch ein „yarn hoarding“ (wenn auch nicht offiziell so genannt). Ein Sehender kann sich nicht in einen Blinden versetzen und sollte ihn weder kritisieren noch ihm Ratschläge erteilen wollen. Die Sache ist ein bisschen komplizierter als hier beschrieben.
Hallo Martina, ein wundervoller Text und ich habe mich tatsächlich wiedererkannt…. :-) und beschlossen nun mein schlechtes Gewissen ad acta zu legen und mich weiterhin an schöner Wolle die ich in tollen Geschäften kaufe zu erfreuen. Mit dem Essen mache ich es schon länger so, wobei ich das Glück habe was mir nicht schmeckt darüber freut sich meine Familie (Eltern und Schwiegereltern) und somit muss ich es noch nicht mal wegschmeißen. Etwas anderes ist es bei Lebensmittel die durch die Ersatzstoffe überhaupt keine Lebensmittel mehr sind.