Öfter mal untreu sein


Mehrere Tücher gleichzeitig stricken? Muss sein!

Ach, was gibt es Schöneres als den Moment, wenn das riesengroße Tuch endlich abgekettet, die letzte Naht geschlossen und der letzte Faden vernäht ist. Jetzt wird das gute Stück nur noch gewaschen und gespannt, und bald, schon bald, kann es zum Stricktreffen ausgeführt werden (was, wie wir alle wissen, das Strickerinnen-Äquivalent zur „Berlin Fashion Week“ ist). Doch kaum ist die letzte Nadel gepinnt und das Tuch liegt wunderschön anzuschauen auf der Spannunterlage, beschleicht mich dieses Gefühl: Und was jetzt? Nachher hat mein Sohn Judo-Training, und da brauche ich etwas Anständiges zum Stricken, um mir die Wartezeit zu vertreiben. Ich könnte währenddessen zwar auch auf mein Smartphone starren, so wie es die anderen wartenden Eltern tun – aber das wäre nicht das Gleiche. Eine Möglichkeit wäre, die Socke weiter zu stricken, die schon ewig hinten im Regal liegt. Hmm. Es kann schließlich nicht verkehrt sein, all die angefangenen Projekte, die irgendwo in einer Kiste verstauben, mal zu Ende zu bringen. Aber, und das darf man nicht vergessen: Wenn ich ein Tuch, einen Pulli oder eine Socke nicht fertig stricken mag, habe ich dafür meistens einen guten Grund. Entweder strapaziert das Garn meine Finger (Baumwolle!), oder es fusselt, oder das Muster ist zu kompliziert, oder man kann ohnehin schon absehen, dass die Socke wahrscheinlich zu eng wird. Oder die Farbe ist nicht meins. Alles sehr gute Gründe, lieber etwas Neues anzufangen (und natürlich, all die Strick-Leichen in meinem Schrank endlich mal aufzuribbeln).


Sockenstricken ist irgendwie nicht das gleiche…

Es geht mir also wie den meisten Strickerinnen: Ich habe immer ganz viele angefangene Projekte. Aber eins, und nur eins, ist mein besonderer Liebling, etwas, das ganz schnell fertig werden muss und bei dem ich es kaum abwarten kann, es endlich zu tragen. Und genau so eines brauche ich immer und ständig: Ein tolles, aufregendes, wunderschönes Ding, mit dem ich jeden Abend ein Date auf dem Sofa habe und es dabei ganz verliebt angucken kann. Und wenn es mich dann verlässt, weil wir uns nach dem Abketten nichts mehr zu sagen haben, bin ich einsam und traurig und brauche eine neue Liebesgeschichte mit meinem Strickzeug. Zum Glück leben wir ja in einer komplett digitalisierten Welt, und das Online-Dating funktioniert auch bei Strickbeziehungen: Wir können Anleitungen und Garne auf dem Computerbildschirm anhimmeln, bis wir uns entscheiden, sie zu uns ins Wohnzimmer einzuladen. Jederzeit, frühmorgens oder spätnachts. Selbst wenn da noch eine andere Schönheit auf unseren Stricknadeln darauf wartet, dass wir uns mit ihr beschäftigen. Und genau das habe ich mir fest vorgenommen: Ich werde, was das Stricken angeht, öfter mal untreu sein und mich nach anderen Projekten umschauen. Egal, wie faszinierend das Tuch mit den hübschen bunten Streifen ist, an dem ich gerade stricke – ich muss auch an Morgen denken. Ich werde mich dazu zwingen, ein bisschen fremdzugehen, damit ich nicht plötzlich überraschend einsam und alleine ohne Strickzeug da sitze. Ich bin sicher, mein Tuch versteht das.

13 Comments on “Öfter mal untreu sein

  1. Wunderbar geschrieben. Das könnte Eins zu eins von mir sein. Toll!

    LG Silvia

  2. Passt, toll geschrieben, und ich glaube, die meisten erkennen sich im Bericht wieder. Mir geht es auch nicht anders.
    Liebe Grüße

  3. This could be my story ;-) Most of the time I have several shawls/scarfs on my needles. I just finished Bellrose Saturday and I had the same sad feeling because I liked knitting it. But on Sunday there was a new shawl on my needles, the other ones that I already started to knit, have to wait for awhile.

  4. mit einem lächeln deine geschichte gelesen……so wahr

  5. Ist das nicht furchtbar?
    Diese Leere die einen ergreift wenn das Ende des Knäuel ’s so langsam auf einen zukommt…
    Mich trifft diese Frage oft bei abketten:
    Was stricke ich dann morgen wenn ich heute fertig werde?
    Liebe Martina, zum Glück gibt es ganz viel Wolle und wenn man die Augen aufhält sieht man es auch:
    Die Shopping Welt hat ein ❤️ für Strickerinnen

  6. Hab grad geribbelt. Es war fast fertig, bereits trotzdem hat es mir nicht mehr gefallen. Restart mit einer neuen Anleitung.

  7. Ich bin im letzten Viertel des „Corners, Edges, Stripes“ und bin schon ganz hibbelig auf die Fertigstellung und aus dem Strickkörbchen winkt der „Smooth Sailor“ – ich habe sozusagen keine Zukunftsängste
    Danke für den schönen Text! Mehr davon!

  8. …..wie wahr! Was wäre ein Leben ohne Wolle, Garne, Stoffe! Ich habe immer ein Projekt, ….ich habe schon halbe Nächte wie eine Suchtkranke an den Nadeln gesessen! Meine Kinder wurden früher bestrickt, Socken sind meine Leidenschaft! Was für ein tolles Hobby,…leider wird es an unseren Schulen nicht mehr unterrichtet!

  9. Wunderbar, Martina!
    Legitimierte Fremdgehen, ich bin ganz bei dir :-))

    Liebe Grüße Kirsten

  10. Hallo Martina,
    das hast Du sehr schön geschrieben! Ich bezeichne es immer als Vakuum, das entsteht, wenn etwas fertig geworden ist. Allerdings brauche ich eine Zeit, bis sich das Vakuum wieder füllt. Die ideale Zeit, die angefangenen Sachen wieder in Angriff zu nehmen :-)
    LG, Inge

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