Noch’n Projekt

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Warum es wichtig ist, immer mehrere auf den Nadeln zu haben

„Startitis“ nennen es viele Strickerinnen, wenn sie nicht aufhören können, immer neue Projekte anzuschlagen: Hier noch ein Tuch, da noch ein paar Socken, vielleicht noch eine spannend konstruierte Mütze, und ach, hast du schon die Jacke gesehen? Startitis kann beängstigend wirken, denn tatsächlich liegen da innerhalb kürzester Zeit sehr viele angefangene Strickstücke auf dem Sofa, dem Schreibtisch und neben dem Bett herum. Vielleicht fragen besorgte Mitbewohner, ob die Strickerin tatsächlich in der Lage sein wird, all diese Projekte auch zu Ende zu bringen. Und die Strickerin fragt es dann wiederum sich selbst und macht sich Sorgen um ihren – ja – Geisteszustand. Denn all die Tüten und Projektbeutel mit Garn, Nadeln und Anleitungszetteln wirken chaotisch. Halbfertige Strickprojekte sind schwieriger zu lagern als unberührtes Garn, weil die darin steckenden Nadeln luftdichte Verpackungen zerpieken können. Außerdem weiß die Strickerin schon bald nicht mehr, wo ihre Lieblings-80-cm-Rundstricknadel in Stärke 4,5 abgeblieben ist. Dann kauft sie sich womöglich eine neue, die dann wieder in einem angefangenen Projekt verschwindet, und von da ist – im Kopf der Strickerin – der Schritt zum völligen Chaos, ja vielleicht sogar zum Woll-Messie-tum nur noch ein kleiner.


Ein angestrickter Toranja-Cowl aus einem Zauberball von Schoppel

Aber ich kann beruhigen: Startitis ist keinesfalls der Beginn vom Untergang im Woll-Chaos. Ich finde sogar die Bezeichnung „Startitis“, die ja nach Krankheit klingt, irreführend. Denn neben den Kniestrümpfen, dem Fairisle-Pullover und dem halbfertigen Schal auch noch eine Mütze mit Zopfmuster anzuschlagen, ist völlig gesundes Freizeitstrickerinnenverhalten: Denn erstens ist es überaus sinnvoll, verschiedene Strickprojekte für unterschiedliche Gelegenheiten griffbereit zu haben. Die Freundin kommt zum Quatschen vorbei? Ein entspannendes Tuch in kraus-rechts, bei dem uns auch die saftigsten Gerüchte nicht aus dem Konzept bringen können, ist dann das richtige. Wartezimmer beim Arzt? Zum Glück gibt’s das Tuch mit dem anspruchsvollen Lacemuster. Knit Night, Partystimmung? Am besten ein Cowl, bei dem gerade nur glatt-rechts in der Runde gefragt ist. Wer schon mal versucht hat, bei so einem Treffen eine Strickschrift zu lesen, weiß, wovon ich rede.

Und zweitens: Mit vielen Projekten kann es nicht passieren, dass man plötzlich nicht mehr weiß, was man stricken soll, wenn eines davon fertig geworden ist. Das weiß ich aus bitterer Erfahrung: Am Abend das spektakuläre Tuch beendet und gespannt, und wenn mein Sohn am nächsten Tag 2 Stunden Judotraining hat, habe ich nichts Anständiges zum Stricken mehr! Kaum auszuhalten. Sich unter Zeitdruck für etwas Neues zu entscheiden, das Garn herauszusuchen und die passenden Nadeln, funktioniert nicht besonders gut. Darum gilt es, die Phasen auszunutzen, in denen wir uns inspiriert fühlen von neuen Strickanleitungen, tollen Garnen oder eigenen Ideen. Dann sollten wir alle Projekte, die versprechen, Spaß zu machen, ruhig anschlagen. Und nennen wir es nicht Startitis, sondern vielleicht Strick-Ideenrausch oder Inspiratiorama. Klingt doch viel besser!

Lust auf mehr An- und Einsichten zum Thema Stricken? Meine Kolumne erscheint regelmäßig in der Zeitschrift Rebecca, und in meinem Buch „Stricken macht schön“ findest du noch viel mehr davon!