Am liebsten schön spitz!

Vor ein paar Wochen habe ich die Frauen aus meinem Dorf zu einem kleinen Auffrischungs-Strickkurs eingeladen. Manche hatten Stricknadeln dabei, manche haben welche von mir geliehen. Eine erfahrene Strickerin, die sogar schon einen Hitchhiker gestrickt hatte, bevor ich hierher gezogen bin, wollte sich zum ersten Mal an ein Lochmuster heranwagen. Nach ein paar Reihen war sie davon überzeugt „zu blöd“ dafür zu sein, denn die Abnahmen wollten ihr einfach nicht gelingen. Umso größer war die Überraschung, als ich ihr einfach ein paar spitzere Nadeln in die Hand drückte – plötzlich war es ganz einfach, das Muster ging ihr leicht von der Hand, und bald hatte sie ein kleines, faszinierend perfektes Strickstück vor sich liegen. Die Moral von der Geschicht? Nein, zu blöde sind wir nicht! Ohne das richtige Werkzeug kann keine Handarbeit gelingen. Schon mal versucht, ein Stück Holz mit einem Brotmesser durchzusägen? Oder mit einem Korkenzieher ein Loch in eine Ziegelwand zu bohren? Genau. Eine vernünftige Säge muss her, und eine Bohrmaschine. Die kostet Geld, ja. Schöne, spitze Stricknadeln sind vielleicht auch einen Tick teurer als die aus dem Kaufhaus-Sortiment, aber für manche Strickprojekte tun es die einfachen Nadeln eben nicht. Schon dann, wenn drei Maschen zusammengestrickt werden sollen, stoßen die meisten günstigen, aber stumpfen Nadeln an ihre Grenzen. Und wer Socken mit der „Magic Loop“-Technik mit einer langen Rundstricknadel statt mit einem Nadelspiel arbeiten möchte, wird schnell merken, dass der Knick, den viele Nadeln vor dem Übergang zum Seil aufweisen, dabei stört. Wer es damit versucht, wird die Socke nach kurzer Zeit in die Ecke pfeffern, die neue Technik oder sich selbst verfluchen und das Gegenteil vom entspannten, schönen Handarbeiten erleben, das Stricken ja eigentlich sein soll. Alles nur wegen des falschen Werkzeugs!


Diese Nadeln sind eher stumpf als spitz…

Darum lohnt es sich, ein wenig auf die Suche zu gehen, um die richtigen Nadeln zu finden. Wichtig ist, dass sie nicht nur technisch geeignet sind, sondern vor allem der Strickerin gefallen – sie sollten angenehm in der Hand liegen, sich gut und „richtig“ anfühlen und im Idealfall auch noch hübsch aussehen. Es gibt Bambus- und Carbonnadeln, eckige Nadeln, welche aus transparentem Acryl mit Glitzer oder aus schön marmoriertem Holz. Die Auswahl ist riesig, und es ist toll, wenn man die Nadeln gefunden hat, mit denen das Stricken richtig Spaß macht. Ich zum Beispiel mag vernickelte Metallnadeln ohne Knick. Die sind schön spitz, überall zu haben, leicht zu ersetzen und einfach meine Stricknadeln für jeden Tag. Holznadeln mag ich für Projekte, bei denen man dickere Nadeln braucht – bei feineren Nadelstärken würde ich immer zu Metall greifen, einfach weil ich nicht sehr zimperlich mit meinen Nadeln umgehe. Für Socken benutze ich am liebsten Nadeln aus Edelstahl, denn sie verbiegen sich nicht. Je nach Projekt kann ich also wählen, ob es eine glatte, spitze Metallnadel oder eher eine warme Holznadel sein soll. Und für Flugreisen packe ich entweder ganz einfache Metallnadeln ein (bei denen ich nicht allzu traurig wäre, wenn man sie mir bei der Sicherheitskontrolle wegnimmt) oder gleich Holznadelspitzen mit abschraubbaren Seilen ein, die im Röntgenapparat aussehen wie Bleistifte. Mein Stricknadel-Werkzeugkasten umfasst Nadeln in allen Stärken und verschiedenen Qualitäten. Damit ich gerüstet bin, für alles, was da kommen mag – und das ist, zumindest was das Stricken angeht, noch sehr, sehr viel!

In guter Gesellschaft

Hier kommt ein Geständnis: Ich bin gerne allein. Richtig gern. Wenn ich alleine bin, pussele ich vor mich hin, widme mich meinem neuesten Strickprojekt, sitze mit dem Notizbuch auf dem Sofa und male gedankenverloren mit dem Bleistift darin herum oder gucke mir Bilder im Internet an. Wenn mir danach ist, setze ich mich zwischendurch ans Klavier oder schnappe mir meine Gitarre und singe lauthals und so falsch es mir gefällt. Denn es ist niemand da, den ich damit stören könnte, niemand, der mich fragt, ob ich nicht eigentlich etwas arbeiten müsste, keiner, der sich gerade mit seiner kleinen Schwester streitet, Hunger hat oder sonstwie Aufmerksamkeit will. Alleinsein ist mein Lieblingszustand, zumindest für ein paar Stunden am Tag, vor allem wenn ich dabei in Ruhe stricken kann. Abends darf dann gern wieder jemand was von mir wollen, und ich bin bereit für Schwätzchen, Diskussionen und gemeinsames Entertainment. Aber so ein paar Stunden Menschenpause tun mir einfach gut – und den meisten meiner Strickprojekte auch.

Ich wage mal zu behaupten, dass die eher komplexeren meiner Tücher sicher nie fertig geworden wären, wenn ich daran nicht allein hätte stricken können. Denn ein Muster, bei dem es durchaus mal auf die Maschenzahl ankommt, strickt sich nicht so gut, wenn jemand begeistert „Achtundzwanzig! Siebenundvierzig! Neunundsiebzig!“ dazwischen ruft, während ich verzweifelt versuche, herauszufinden, wie viele Maschen ich denn da gerade auf der Nadel habe. Auch meine Flüche, wenn ich schon wieder einen Umschlag und zwei Abnahmen in einer Reihe vergessen habe, sind nicht unbedingt für die Ohren meiner Familienmitglieder geeignet. Schon mal probiert, eine zweiseitige Lace-Strickschrift zu lesen, während der Mann das Mittagessen der kommenden vier Tage diskutieren möchte und die Kinder sich mit Stofftieren bewerfen? Nicht so gut.


Um so ein Tuch zu stricken, brauchen wir manchmal Unterstützung…

Besser klappt das schon gemeinsam mit einer erfahrenen (vielleicht sogar ein bisschen fanatischen) Lace-Strickerin auf dem Sofa und einer schönen großen Tasse Kaffee. Denn für manche Strickprojekte ist bei mir nicht absolute Ruhe das Geheimnis des Erfolgs, sondern gutes Zureden, moralische Unterstützung und Hilfe, wenn mal wieder etwas schiefgegangen ist. Und vielleicht auch ein zweites Paar Augen auf der Strickschrift – denn manchmal sehe ich nicht, was doch so offensichtlich da steht. Gesellen sich dann allerdings ein paar mehr Damen dazu und bewegen sich die Gesprächsthemen weg von Umschlägen, Überzügen und verschränkten Maschen hin zu Spanndrähten, Spinnrädern, Strick-Podcasts oder dem Weltgeschehen, ist es bei mir ganz schnell wieder vorbei mit der Spitzenstrickerei. Weil ich meine Strickfreundinnen und ihre Themen dann einfach spannender und unterhaltsamer finde. Das einzige, was ich stricken kann, während ich mich angeregt unterhalte, sind kraus-rechts-Tücher oder ganz einfache Kindersocken – und auch dabei vertue ich mich noch oft genug. Wenn die Gespräche so mitreißend sind, dass das Stricken auch beim Stricktreff vielleicht ein bisschen in den Hintergrund gerät, kann ich damit nicht nur sehr gut leben, ich finde es sogar toll. Denn genau das möchte ich bei einem Stricktreffen erleben: Lauter spannende Frauen, alle unterschiedlich, aber geeint durch die gemeinsame Begeisterung für Garn und was man alles daraus machen kann.

Mein Spitzentuch verkraftet es übrigens ganz gut, wenn es an einem solchen Abend in der Tüte verschwindet. Denn wir haben morgen wieder ein Date. Nur wir zwei.

P. S.: Wer gerne in Gesellschaft strickt, ist bei meinem nächsten Stricktreff genau richtig! Wir öffnen wieder die Pforten unseres alten, schönen Gasthofs am Rande der Holsteinischen Schweiz und laden ein zum gemütlichen Stricktreff: Am 27. Mai 2017 (Samstag nach Himmelfahrt), von 14 bis 18 Uhr, Anmeldung nicht nötig. In unserem kleinen Shop findest Du Garne von Rohrspatz & Wollmeise, Rosy Green Wool (auch die limitierten Heb und Manx-Garne haben wir noch da), Manos del Uruguay, Schoppel und Miss Babs. Bei hausgemachten Torten, Kaffee oder Tee und strickfreundlicher Beleuchtung kannst Du vorm Kamin mit anderen Strickerinnen einen schönen Nachmittag verbringen.

Direkt davor, von 12 bis 14 Uhr findet das zweite Anstrick-Event für den Strickmich! Club 2017 statt. Das geschlossene Club-Päckchen ist Deine Eintrittskarte! Ich werde feierlich das neue Design enthüllen, wir öffnen gemeinsam die Päckchen, wickeln die Wolle und stricken zusammen an. Sollte es Fragen zur Anleitung geben, beantworte ich sie selbstverständlich gerne.

Adresse: Dorfstr. 2g, 23824 Damsdorf, Schleswig-Holstein

Parken: Bei uns auf dem Hof oder beim Dörphus/Feuerwehrhaus (Segeberger Straße).

Nie wieder Diät!


Dieses Garn hat höchstwahrscheinlich Übergewicht

Ab und zu gucke ich mich in den Foren bei Ravelry um, und in fast jeder Gruppe kommt ein bestimmtes Thema alle paar Wochen hervor, so wie der Vollmond über den Feldern in Holstein: Die Woll-Diät. Strickerinnen überall auf der Welt scheinen zu glauben, dass sie zu viel Wolle haben, und dass das schlecht ist, und dass sie sie verstricken müssen. Sie versprechen sich gegenseitig, keine Wolle mehr zu kaufen, bis sie nicht mindestens sechs Kilo ihres Vorrats verstrickt haben – egal ob es sich dabei um industriell gefärbtes Superwash-Acrylgarn in Neonfarben oder Fusselgarn aus den frühen 80ern handelt, das ihnen ihre Schwägerin geschenkt hat, und das sie nie richtig mochten. Diese armen Seelen stricken damit, weil sie glauben, sie müssen. Weil sie das Gefühl haben, es sei notwendig, Buße zu tun für die Sünde, zu viel Geld für Garn ausgegeben haben, das jetzt zu viel Platz im Haus einnimmt.

Nun. Ich bin keine Freundin von Diäten, weder beim Essen noch beim Stricken. Ich glaube, Diäten sind sinnlose Quälerei. Beim Essen ist mein Credo: Iss, wenn Du hungrig bist, und hör auf, wenn Du satt bist. Eine große Auswahl frischer Lebensmittel im Kühlschrank, die Kochkünste meines Mannes und das zu essen, was mein Appetit mir sagt, sind Voraussetzung dafür. Ich würde niemals etwas essen, nur weil es da ist oder weil ich dafür Geld ausgegeben habe, wenn sich herausstellt, dass es nicht schmeckt. Ich finde auch, dass es völlig okay ist, Essen wegzuwerfen, falls es schlecht ist oder keiner es mag. Wenn meine Kinder von einem Geburtstagsfest zurückkommen mit einer Tüte künstlich aromatisierten und gefärbten Zuckerzeugs, dann sorge ich dafür, dass es in der Mülltonne landet. So etwas zu essen hilft niemandem (auch nicht den hungernden Kindern in Afrika). Ist es okay, am nächsten Tag Nüsse und dunkle Schokolade zu kaufen, die ich gerne nasche? Ich würde sagen: Ja.


Diese „Cakes“ machen zum Glück nicht dick

Essen ist da, damit wir funktionieren, und um uns zufrieden und glücklich zu machen. Und mit dem Wollvorrat ist es genau so: Da sind die Grundnahrungsmittel, wie Sockengarn. Eine Socke anzuschlagen, wann immer wir Lust darauf haben, erfüllt ein Grundbedürfnis, wie Brot oder Kartoffeln. Und dann gibt es die exotischen Leckereien wie Seide, Lacegarn, Kaschmir oder Yak – sie machen das Strickerinnen-Leben süß und interessant. Im Tiefkühlfach haben wir die großen Bratenstücke eingefroren, falls es was Besonderes sein soll – genau wie die voluminösen Tüten mit Pullovergarn hinten im Schrank. Würde man sagen: „Ich muss erst das Roastbeef kochen, bevor ich wieder Äpfel kaufen kann“? – würde man eben nicht. Ein gut zusammengestellter Wollvorrat ist nicht nur eine Quelle der Inspiration, sondern gibt Sicherheit: Für jedes Strickbedürfnis ist etwas da, in guten und schlechten Zeiten. Ein großer Wollvorrat ist außerdem das Versprechen, dass man viele Stunden damit verbringen wird, das Garn zu verstricken. Schöne Stunden, wichtige Stunden.

Manchmal sagen Frauen, dass ihr Wollvorrat zu viel Platz einnimmt, und in manchen Fällen mag das auch stimmen. Kinder und Ehemänner beschweren sich und verlangen, dass die Wolle weg muss – aber in diesem Fall sollten wir zweimal überlegen. Ich habe das Gefühl, dass viele Frauen sich selbst und ihren Bedürfnissen weniger Platz zugestehen als Männern und Kindern. Wie ist es denn mit dem Motorrad in der Garage oder dem Meerschweinchenstall? Der Gitarrensammlung? Der Modelleisenbahn? Es ist okay, Platz zu brauchen für das, was man gerne tut. Es ist richtig, Platz zu beanspruchen in unserem Zuhause mit dem, was wir lieben.

Was ich noch am ehesten verstehe ist, wenn sich eine Strickerin überfordert fühlt von ihrem Wollvorrat – ganz ohne das Gestichel anderer – und beschließt, dass ein Teil des Garns gehen muss: Das Acrylgarn und die Farben, die uns nicht stehen, die kratzige Pulloverwolle. Man kann sie Schulen, Kindergärten und Altersheimen spenden, mit anderen Strickerinnen tauschen oder verschenken. Aber um Himmels Willen sich nicht zwingen, mit Garn zu stricken, das man nicht mag. Dafür ist das Leben zu kurz.

Stricken ist dazu da, uns glücklich und Spaß zu machen: Strick, was Dein Gefühl Dir sagt. Hör auf, wenn es genug ist. Kauf das Garn, das Du liebst, leg es zu Deinem Vorrat und mach etwas daraus, wenn die Zeit gekommen ist.

Puerto Montt


Dramatische Farben, bizarre Formen, faszinierende Kontraste – all das kann sehen, wer in Puerto Montt ganz im Süden Chiles ein Schiff besteigt und einige Seemeilen bis in die Laguna San Rafael zurücklegt. Dort liegt ein tieftürkisfarbener Gletscher zwischen dunklen Felsen vor grauem Himmel, und wer Glück hat, kann beobachten, wie riesige Eisbrocken abbrechen und spektakulär in die See stürzen.

Als wir ein Jahr in Chile wohnten, nahmen wir unser Baby mit auf diese Reise. Ich hatte meinen Mann davon überzeugt, dass dieser Gletscher das einzige war, was ich wirklich, wirklich in Chile sehen musste. Die Strickmich! Club-Farbe „Nautic Miles“ hat mich sofort an die seltsame Schönheit dieses Ortes erinnert – also habe ich ein ungewöhnlich geformtes Tuch daraus gemacht, das Dir beim Stricken und Tragen hoffentlich viel Freude machen wird.

Puerto Montt sieht übrigens auch genial aus in einem Garn mit Farbverlauf – hier in Schoppel Crazy Zauberball, Farbe Blasser Schimmer. Toll, oder?

Ab sofort gedruckt und zum Download im Strickmich! Shop (dort haben wir auch das Zauberball-Garn vorrätig!) und bei Ravelry.

Öfter mal untreu sein


Mehrere Tücher gleichzeitig stricken? Muss sein!

Ach, was gibt es Schöneres als den Moment, wenn das riesengroße Tuch endlich abgekettet, die letzte Naht geschlossen und der letzte Faden vernäht ist. Jetzt wird das gute Stück nur noch gewaschen und gespannt, und bald, schon bald, kann es zum Stricktreffen ausgeführt werden (was, wie wir alle wissen, das Strickerinnen-Äquivalent zur „Berlin Fashion Week“ ist). Doch kaum ist die letzte Nadel gepinnt und das Tuch liegt wunderschön anzuschauen auf der Spannunterlage, beschleicht mich dieses Gefühl: Und was jetzt? Nachher hat mein Sohn Judo-Training, und da brauche ich etwas Anständiges zum Stricken, um mir die Wartezeit zu vertreiben. Ich könnte währenddessen zwar auch auf mein Smartphone starren, so wie es die anderen wartenden Eltern tun – aber das wäre nicht das Gleiche. Eine Möglichkeit wäre, die Socke weiter zu stricken, die schon ewig hinten im Regal liegt. Hmm. Es kann schließlich nicht verkehrt sein, all die angefangenen Projekte, die irgendwo in einer Kiste verstauben, mal zu Ende zu bringen. Aber, und das darf man nicht vergessen: Wenn ich ein Tuch, einen Pulli oder eine Socke nicht fertig stricken mag, habe ich dafür meistens einen guten Grund. Entweder strapaziert das Garn meine Finger (Baumwolle!), oder es fusselt, oder das Muster ist zu kompliziert, oder man kann ohnehin schon absehen, dass die Socke wahrscheinlich zu eng wird. Oder die Farbe ist nicht meins. Alles sehr gute Gründe, lieber etwas Neues anzufangen (und natürlich, all die Strick-Leichen in meinem Schrank endlich mal aufzuribbeln).


Sockenstricken ist irgendwie nicht das gleiche…

Es geht mir also wie den meisten Strickerinnen: Ich habe immer ganz viele angefangene Projekte. Aber eins, und nur eins, ist mein besonderer Liebling, etwas, das ganz schnell fertig werden muss und bei dem ich es kaum abwarten kann, es endlich zu tragen. Und genau so eines brauche ich immer und ständig: Ein tolles, aufregendes, wunderschönes Ding, mit dem ich jeden Abend ein Date auf dem Sofa habe und es dabei ganz verliebt angucken kann. Und wenn es mich dann verlässt, weil wir uns nach dem Abketten nichts mehr zu sagen haben, bin ich einsam und traurig und brauche eine neue Liebesgeschichte mit meinem Strickzeug. Zum Glück leben wir ja in einer komplett digitalisierten Welt, und das Online-Dating funktioniert auch bei Strickbeziehungen: Wir können Anleitungen und Garne auf dem Computerbildschirm anhimmeln, bis wir uns entscheiden, sie zu uns ins Wohnzimmer einzuladen. Jederzeit, frühmorgens oder spätnachts. Selbst wenn da noch eine andere Schönheit auf unseren Stricknadeln darauf wartet, dass wir uns mit ihr beschäftigen. Und genau das habe ich mir fest vorgenommen: Ich werde, was das Stricken angeht, öfter mal untreu sein und mich nach anderen Projekten umschauen. Egal, wie faszinierend das Tuch mit den hübschen bunten Streifen ist, an dem ich gerade stricke – ich muss auch an Morgen denken. Ich werde mich dazu zwingen, ein bisschen fremdzugehen, damit ich nicht plötzlich überraschend einsam und alleine ohne Strickzeug da sitze. Ich bin sicher, mein Tuch versteht das.

Waschen & Spannen

Viele Strickerinnen fragen mich um Rat zum Thema Spannen von fertigen Strickteilen bzw. „Blocking“. Die Methoden sind aber auch verwirrend: Dämpfen, waschen oder anfeuchten… Und es stimmt, das Spannen von Tüchern oder Pulloverteilen ist ein großes Thema. Ich bin beileibe keine Expertin für jede Methode, aber ich habe herausgefunden, was bei mir am besten funktioniert. Zunächst braucht man die richtigen Werkzeuge: Einen ganzen Haufen Stecknadeln, am besten solche mit Glasköpfen. Es gibt auch spezielle „Blocking Pins“ die noch länger und T-förmig sind, aber Stecknadeln reichen auch. Bei geraden Kanten oder kreisrunden Tüchern sind Spanndrähte sicher praktisch, aber die sind in Europa noch nicht sehr verbreitet, und ich habe leider auch keine – so bleibt mir oft nichts anderes übrig, als einfach unglaublich viele Nadeln zu benutzen (aber dazu später). Dann braucht man noch eine ausreichend große Unterlage, auf der man das zu spannende Stück festpinnen kann. Viele Leute nehmen einfach ihre Matratze (was den Nachteil hat, dass man sich ein anderes Quartier für die Nacht suchen muss), manche benutzen bunte Spielzeug-Puzzlematten, aber ich habe mich für Trittschall-Dämmplatten aus dem Baumarkt entschieden: Die sind dünner, großflächiger, billiger und lassen sich auch zusammenstecken.


Die Herzchen von „Knit Your Love“ in Form gesteckt

Das zu spannende Stück (meistens ein Tuch) lege ich für ein paar Minuten in lauwarmes Wasser. Ideal wären 15-20 Minuten, damit die Fasern schön durchfeuchtet sind, aber dafür fehlt mir meistens die Geduld. Danach drücke ich es vorsichtig aus, rolle es in einem Handtuch auf und trampele ein wenig auf der Handtuchrolle herum, damit das überschüssige Wasser herausgedrückt wird. Dann kommt das Tuch auf die Unterlage und ich versuche zu gucken, wie es am besten darauf passt. Im Zweifelsfall baue ich an einer Ecke noch eine weitere Dämmplatte an. Dann ziehe ich das Stück vorsichtig in Form, lege die geraden Kanten gerade hin und versuche, es schon einmal ungefähr in die Form zu bringen, die es später einmal haben soll. Bei Tüchern ohne Lochmuster ist das oft schon alles, was nötig ist – vielleicht stecke ich noch ein paar Nadeln in Ecken oder Zipfel, damit sie schön spitz werden (wie z. B. bei „Heaven and Space“). Bei Lochmustertüchern (wie dem „Aeolian Shawl“ unten) muss man das Gestrick oft recht stark dehnen, damit es am Ende so aussieht wie gewünscht. Am besten ist es, nochmal in die Anleitung oder auf der Anleitungs-Webseite nach Fotos zu gucken, dort kann man gut erkennen, wie die Designerin sich die Form gedacht hat und kann die Nadeln entsprechend setzen. Falls im Innern des Tuchs Linien, quadratische oder kreisrunde Formen vorhanden sind, sollte man diese zuerst feststecken und sich dann von Innen nach außen vorarbeiten. Gerade Kanten werden am schönsten, wenn man sie auf Spanndrähte zieht – alternativ kann man aber auch sehr, sehr viele Nadeln (in jedes Löchlein der Kante eine) stecken. Bei Pulloverteilen sollte man in der Schemazeichnung nachschauen, wie breit und lang die Stücke sein sollen und sie entsprechend hinlegen und feststecken (nicht zu stark dehnen!) – dann lassen sie sich später leichter zusammennähen.

Andere Methoden wie z. B. Dämpfen oder das Stück erst in Form zu spannen und dann anzufeuchten habe ich bisher nicht ausprobiert. Denn erstens besitze ich kein Dampfgerät außer meinem Bügeleisen, vor dem ich großen Respekt habe. Und zweitens glaube ich, dass es wichtig ist, dass die Fasern richtig nass sind, damit sie später die Form halten. Übrigens muss man Lace-Tücher nach jeder Wäsche auf die gleiche Weise spannen, damit sie wieder schön aussehen.


Snowflake Party – das Schneeflöckchenmuster kommt erst nach dem Spannen so gut zur Geltung

Schnell und nebenbei geht das Spannen leider nicht: Ich plane bei einfachen Formen mindestens eine halbe Stunde, bei komplexeren Tüchern schon mal eine Stunde ein. Und dann heißt es warten: Je nach Temperatur kann es ein paar Stunden oder Tage dauern, bis alles gut durchgetrocknet ist. Die Nadeln sollte man auch wirklich erst dann entfernen, sonst bleibt die Form nicht so schön erhalten. Und dann ist es endlich so weit: Von den Nadeln befreit, entfaltet sich die ganze Schönheit Deines Werks. Freu Dich dran!